Baby statt Beziehung?

Die Probleme frisch gebackener Eltern aus der Sicht eines jungen Vaters

Dezember 4, 2018

Die ersten Tage nach der Geburt scheint die Welt da draussen wirklich stillzustehen. Als frischgebackene Eltern lebt man wie unter einer dunstigen Glocke und dieser unfassbare kleine neue Mensch duftet dazu himmlisch. Zumindest bis die ersten schlimmen Windeln kommen … aber lassen wir das. Die wirklichen Probleme liegen woanders.

Der kleine Wurm will einfach geliebt und beschützt werden und im Idealfall bekommt er auch genau das von seinen Eltern. Aber: Auch man selbst möchte geliebt werden. Weil aber beide Elternteile so absolut auf das Kind fixiert sind, holen sie sich die nötige Liebe auch genau hier ab – beim Kind und nicht beim Partner.

Warum? Weil jede noch so kleine Bewegung der Baby-Mundwinkel zu einem glücklichen „Er hat mich angelacht“ führt. Die neue Rolle des Papas bringt einfach wahnsinnigen Spass. So wird das Baby die Quelle für Glück, Liebesbeweise und Zärtlichkeit. Mit zunehmendem Alter des Säuglings und weniger Fixierung auf die Brust der Mutter kann man als Vater dann endlich auch mehr mit dem Kind machen. Inmitten dieser zauberhaften und irrsinnigen Momente hat sich allerdings schon längst – und zunächst leider unbemerkt – etwas in die Paarbeziehung geschlichen, das man ungern zugeben möchte: Man lebt im Grunde nur noch nebeneinander her.

Meist verbringt einer der Partner Zeit mit dem Kind und der andere kümmert sich um irgendwas anderes. Die Liste der To-dos ist lang und fortwährend: Schreiendes Kind beruhigen, Windeln wechseln, Waschen, Kochen heisst es – und dann das Gleiche wieder von vorne. Während der eine die Babyschicht übernimmt, werkelt der andere in der Wohnung oder rennt zum Supermarkt. Zur Arbeit geht man auch noch und wenn das Baby schläft und Zeit fürs Nachtessen ist, fallen beide erschöpft in die Federn.

Was also tun? Ein Tipp gegen die Beziehungsflaute, der mir von amerikanischen Eltern bei einer Zufallsbegegnung auf dem Spielplatz gegeben wurde, lautet: Us first und will sagen: „Wir als Paar kommen zuerst.“ Das klingt dem Kind gegenüber natürlich erstmal gemein – ist aber einfach nur vernünftig, zumindest im Rückblick. In der Praxis heisst das beispielsweise, dass einfach mal wieder miteinander geredet wird, ohne, dass es ums Kind geht. Eltern haben die Tendenz jeder Reaktion des Kindes die Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen muss man sich als Paar auch ab und zu auf sich selbst konzentrieren – Kinder spüren die Spannungen zwischen den Eltern schliesslich ebenfalls. Glückliche Partnerschaft, glückliches Kind ist also das Motto hinter Us first.  Aber genau diese Verbundenheit kann man nur schaffen, wenn man weiterhin Momente der Zweisamkeit und Intimität zusammen erlebt.

Leichter gesagt als getan. Und wer daran noch zu knabbern hat, es gehören schließlich zwei dazu, kann sich an einem anderen Tipp versuchen: Güte und Nachsicht üben. Das klingt nach einer Empfehlung eines Esoterik-Ratgebers, aber in Streitsituationen hilft genau das: Nachsichtig sein und sich in den anderen hineinversetzen – auch wenn’s schwer fällt.

Vielleicht habe ich als Mann schon früher gemerkt, wie sich die Aufmerksamkeit füreinander deutlich verschoben hat. Das Leben ist plötzlich „babylastig“ und gerade weil man sich als Mann aufgrund der engen Mutter-Kind-Bindung bisweilen ein bisschen alleingelassen vorkommt, stellt sich das Gefühl nicht mehr geliebt oder begehrt zu werden, schneller ein, als man sich vorstellen kann. Hinzu kommt, dass die Partnerin meist nicht so viel Lust auf Zärtlichkeiten oder Sex hat. Geschwollene Brüste, Geburtsverletzungen und Erschöpfung sind ein echter Liebestöter – klar, Mann kann und muss das verstehen, aber leicht zu ertragen ist es trotzdem nicht. Raus aus dieser Krise? Us first. Und das ist die Krux im Leben: Das Patentrezept gibt es nicht, sonst würden wir alle die perfekte Beziehung führen. Es gibt nur den Willen, es gemeinsam zu schaffen – und kleine Zeitfenster.